Als ich Kind war, habe ich mich über Ferien und Feiertage gefreut und so auch über den Karfreitag, dessen Bedeutung sich mir erst erschloss, als ich älter wurde. Auch dann wunderte ich mich darüber, dass ein Tag der Trauer mitten im aufstrebenden Frühjahr platziert wurde.
Im Zusammenhang mit Ostern, als dem Auferstehungsfest des Christus, hat der Karfreitag seine Notwendigkeit, denn die Auferstehung könnte nicht geschehen ohne den vorausgehenden Tod, und auch die Grablegung ist wesentlich.
Heute möchte ich aus dem Blickwinkel eines Menschen (ich) auf dieses Fest blicken, der sich „Druide“ nennt und insofern einen Bezug zu den acht keltischen Jahresfesten hat. Diese Perspektive ist im Verhältnis zum Christlichen für mich neu, aber nicht fremd. Ich erlebe die Naturspiritualität der Druiden nicht als Widerspruch zu dem, wie ich vorher mein Christentum gelebt habe, sondern als Erweiterung.
Das christliche Osterfest hat bereits durch den Namen einen eindeutigen Bezug zum Ostara-Fest, das zur Frühjahrs-Tagundnachtgleiche gefeiert wird und auch Alban Eilir genannt wird. Wie der Name schon sagt, bezieht sich dieses Fest auf den Stand der Sonne. Tag und Nacht sind gleich lang. Danach werden die Tage länger als die Nächte, das Licht siegt also über die Finsternis im Jahreslauf. Das christliche Osterfest hat außerdem einen Bezug zum Mond, denn es findet nach dem ersten Vollmond nach der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche statt – am ersten Sonntag danach, also am höchsten Feiertag der Woche.
Auch das christliche Osterfest trägt die Symbolik des Sieges des Lichts über die Finsternis in sich. Dieses Motiv wird noch betont, indem der Tod zwei Tage vorher gefeiert wird – am Karfreitag. Dieses Jahr ist mir deutlich geworden, dass es auch in der Natur diese Signatur gibt: An manchen Bäumen, verharren noch vertrocknete Blätter aus dem vergangenen Jahr. In nur wenigen Tagen werden sie abfallen und das frische Frühlingsgrün wird sich ausbreiten. Auch auf dem Boden ist an manchen Stellen im Wald noch das Herbstlaub dominant, bevor es oft von Frühlingspflanzen, wie z. B. dem Bärlauch überwachsen wird. Das kann wirken, wie ein letztes Aufbäumen des Todes gegen das Lebendige, wobei das schon sehr symbolisch gedacht ist, denn der Tod ist Voraussetzung für das Leben. Johann Wolfgang von Goethe fasst das in folgende Worte:
Die Natur
Ihr Schauspiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschauer schafft. Leben ist ihre schönste Erfindung und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.1
Das Herbstlaub zum Beispiel wird auf dem Waldboden kompostiert, zersetzt und dadurch zu neuem Humus, also zur Lebensgrundlage der Bäume und aller anderen Pflanzen im Wald.
Ein wenig größer betrachtet lässt sich also sagen: Die Erde nimmt auf, was abgestorben ist, was alt ist und nicht mehr selbst lebendig sein kann. Sie verwandelt es und gibt es den Lebewesen als eine Grundlage zurück, durch die sie erst sein können.
Das Ostergeschehen spiegelt genau diesen Vorgang in einem dramatischen Bild. Verkürzt: Tod, Grablegung – also die Erde nimmt den Leichnam auf. Schließlich Auferstehung. Genau das erleben wir jetzt in der Natur, wenn (grob betrachtet) tot aussehende Bäume zu neuem Leben erwachen.
Ostern ist für mich allerdings schon immer mehr gewesen als das Bild eines Naturvorgangs, und so bin ich voll ehrfürchtiger Dankbarkeit heute Morgen, bei meinem Morgenritual ein innerliches Bild dafür geschenkt bekommen zu haben: Damit hatte ich nicht gerechnet, auch wenn ich mir vorgenommen hatte, in die Qualität dieses Tages hineinzuspüren – so weit war ich noch gar nicht. Bei der Eröffnung meiner Morgenrituale pflege ich ins Bewusstsein zu nehmen (wenn ich alleine feiere, pflege ich das Ritual nicht auszusprechen, sondern zu meditieren), welcher Planet mit dem aktuellen Wochentag korrespondiert – heute also die Venus. Dazu stellte ich, dass heute eben der Karfreitag ist. Etwas später bemühe ich mich, eine Resonanz zur höchsten Gottheit in mir zu erzeugen, indem ich folgende Worte versuche, möglichst konkret zu erleben. Wenn es Dich anspricht, kannst Du es gerne selbst für Dich auch versuchen:
Der Christus sei alle Zeit in mir,
er wohne in meinem Herzen,
er erleuchte alle meine Wesensglieder.
Mutter Gaia,
trage und beschütze mich,
ich bitte um Deinen Segen.
Abba, mein Vater,
sei in mir,
wie Du in allem bist.
Bitte beachte, dass Du vielleicht eine andere Vorstellung des Göttlichen hast oder es anders denkst. Um zu verstehen, wie ich auf diese Zeilen gekommen bin, lies bitte in meinem Blogbeitrag Der Christus und das Göttliche nach.
Bei der ersten Sequenz konzentriere ich mich auf meinen Herzraum, bei der zweiten verbinde ich mich innerlich mit der Erde – bis zu ihrem Zentrum, bei der dritten mit dem Himmel und möglichst allem. Das kann nur eine Annäherung sein, eben ein Bemühen, resonant mit dem Göttlichen zu sein.
Bei der zweiten Sequenz kam nun das oben angesprochene innere Bild: Der sonst goldene Herzraum erschien mir im Zentrum rot und daraus floss Blut in die Erde.
Du kannst das geschwind lesen und zur Kenntnis nehmen. Wenn Du Dir ein wenig Zeit lässt und versuchst es nachzuempfinden, selbst auch innerlich zu sehen, dann kannst Du vielleicht ahnen, dass es für mich schon etwas Besonderes war.
Für mich spricht aus dem Bild, dass es bei diesem Festzusammenhang – Karfreitag bis Ostern – um ein Fest der Herzkräfte, der Liebe geht. Wenn Du schon den eben erwähnten anderen Blogbeitrag gelesen hast, weißt Du, dass ich den Christus als die Liebe des Göttlichen sehe. Diese Liebe wohnt im Herzen der Menschen und bezieht sich nicht „nur“ auf seinen Nächsten, seine Geliebten, Freunde, Mitmenschen, sondern auch und ganz wesentlich auf das Wesen der Erde, auf unsere Daseinsgrundlage. Symbolisiert wird das mit dem Blut des Christus, das vom Kreuz in die Erde fließt.
Sicherlich war das eine „Information“, die mir nicht grundlegend neu war, aber zum Erlebnis, war mir so noch nie gekommen. Gerne teile ich dieses Erlebnis mit Dir und hoffe, dass es Dich inspiriert und die drei besonderen Tage Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag für Dich auch ein wenig mehr Bedeutung bekommen.
1Goethe: Die Natur, Fragment – Hamburger Ausgabe Band 13, dtv, München 1982, S. 46 von https://zitate-aphorismen.de/zitat/die-natur-ihr-schauspiel-ist-immer-neu/ [online 03.04.2026]
